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Presse

Interview zur Ausstellung "Raumwunder" im Museum Ritter:

Dass ein Bildhauer den Faden zu seinem Medium macht, liegt nicht unbedingt auf der Hand. Wie bist Du dazu gekommen?


Der Faden kam eigentlich durch Zufall zu mir oder ich durch Zufall zum Faden. Bei einem Auslandssemester in Estland habe ich für eine Installation Faden als Hilfskonstruktion in den Raum verspannt. Mir fiel auf, dass dieses dünne, filigrane Material eine so große optische Präsenz im Raum hatte: Ich war davon beeindruckt, wie wirkungsvoll diese Linien den leeren Raum strukturierten. Sehr bald habe ich weitere interessante Aspekte am Faden entdeckt, so dass ich seitdem nur noch damit arbeite. Zuvor jedoch habe ich ganz klassisch mit Holz, Stahl und Bronze gearbeitet.

Du verwendest insbesondere den Baumwollfaden, der eine faserige Struktur und wenig Eigenspannung hat. Was interessiert Dich daran? Wäre zum Beispiel der Acrylfaden nicht geeigneter für Deine Arbeit?


Ich verwende den Baumwollfaden, weil er sehr gut zu verarbeiten ist. Mit ihm lässt sich nicht nur leicht ein Knoten schlagen, sondern ab einer bestimmten Materialstärke ist er auch sehr strapazierfähig. Letzteres ist deshalb wichtig, weil meine Werke immer unter großer Spannung stehen. Wenn ich mehrere hundert Nägel in einen Werkträger hineinschlage und diesen dann mit dem Faden bespanne, geht das immer bis an die Grenze von dessen Belastbarkeit. Zunächst habe ich ausschließlich mit schwarzem Faden gearbeitet, weil es mir um einen starken Kontrast zum weißen Hintergrund des Ausstellungsraumes ging. Bei kleineren Objekten habe ich dann weißen Faden vor schwarzem Grund verspannt und mittels UV-Licht den Kontrast maximiert. Gleichzeitig erschloss sich mir eine neue, surreale Farbpalette. Der weiße Faden reagiert dabei besonders sensibel auf das Schwarzlicht, was ein weiterer Vorteil der Naturfaser ist. Nylonfaden verwende ich bislang nur als konstruktives Hilfsmittel, er verbleibt zumeist im Hintergrund.

Worin bestehen die Herausforderungen, mit dem Faden komplexe Raumkonstruktionen herzustellen? Wie gehst Du bei der Arbeit vor?


Die Arbeit mit dem Faden erfordert hohe Konzentration, Geschick und Fingerfertigkeit, wobei ich immer wieder auch an meine Grenzen stoße. Es ist manchmal eine echte Sisyphusarbeit, eine große physische und psychische Belastung. Doch in dieser Herausforderung liegt auch der Reiz für die Umsetzung. Diese Begeisterung treibt mich voran, bis zu 2.200 Knoten an einem Tag zu fertigen, um zu sehen ob die Konstruktion gelingen kann. Darüber hinaus stelle ich mir die Aufgabe, immer engere Raster zu schnüren, in die teilweise mehrere geometrische Formen gleichzeitig eingespannt sind. Mit dem Faden zu konstruieren bringt auch Einschränkungen mit sich: So ist es schwierig, gebogene oder runde Formen zu schaffen. Mit der gespannten Schnur ergeben sich automatisch geradlinige Strukturen und geometrische Motive, die mich insbesondere in der jüngsten Zeit interessieren. Die Idee für eine neue Arbeit beruht immer auf vorangehenden Erkenntnissen. Ich mache manchmal eine Vorskizze, die einen Teilaspekt der Konstruktion darstellen kann, beispielsweise die Verspannung auf einer bestimmten Ebene. Den Aufbau eines gesamten Werks theoretisch zu durchdenken wäre allerdings zu kompliziert, da erst die praktische Arbeit im dreidimensionalen Raum sämtliche Fragen der Konstruktion klärt.

Architekturansichten wie Photoshop 2.0 erzeugen nach den Regeln der Linearperspektive die Illusion eines Tiefenraums, sie sind jedoch vorwiegend flach. Hiervon unterscheiden sich Deine Konstruktionen im dreidimensionalen Raum. Was bedeutet für Dich Raum?


Ich versuche, verschiedene Aspekte des Raums mit dem Faden zu erkunden. Sowohl die Illusion als auch das mathematische Volumen. Meine früheren, puristischen Arbeiten waren sozusagen dreidimensionale Zeichnungen eines Stuhls, einer Treppe oder eines Quader-Containers. Es war eine Kombination aus flachem und plastischem Aufbau, die der Installation beim Betrachten Dynamik verlieh. Was den perspektivischen Mix der Darstellung betrifft, sind Leuchtkästen wie Photoshop 2.0 oder Orbit mit diesen vorangehenden Arbeiten verwandt. Auch hier verwende ich Fluchtpunkte und zeichnerische Mittel um eine zusätzliche Illusion von Raum zu schaffen. Diese Täuschung wird zusätzlich vom Schwarzlicht verstärkt. Es kommt so zu einer optischen Verwirrung: Ist die dreidimensionale Darstellung im Kasten ein echter Raumkörper? Wie tief ist die Konstruktion in Wirklichkeit? Was ist vorne, was ist hinten? Anders verhält es sich bei den gitterartigen Arbeiten wie denen der Hologramm Serie: Der konstruierte Würfelkörper hat die tatsächlichen Dimensionen eines Würfels. Hier geht es mir um das puzzlehafte Zusammensetzen eines Körpers in einem mathematisch strukturierten Umraum. Das Schwarzlicht dient in diesem Fall nicht der optischen Täuschung, sondern erzeugt eine futuristische Bildwirkung. Der Betrachter soll den Eindruck bekommen, als würde er auf einen technischen Apparat, einen TFT-Bildschirm oder auf ein Hologramm schauen, auch wenn die gesamte Arbeit handwerklich hergestellt wurde.

Neuerdings verwendest Du verschiedenfarbige Fäden, so auch für die große Wandarbeit, die Du für die Ausstellung geschaffen hast. Was interessiert Dich an der Farbe?


Mich begeistert vor allem die Mischung von Farbe im dreidimensionalen Raum, weil sich hier die Farbe ganz anders zusammensetzt als auf dem Papier. Der Betrachter schaut durch viele geschichtete Fäden hindurch und nimmt dadurch die Farbe in einer ganz eigenen Form wahr. Für mich sind diese Werke Untersuchungen zur dreidimensionalen Farbtextur, ich konstruiere letztlich Farbe im gerasterten Raum. Da ich viele Farbebenen herstellen muss, ist der Aufbau dieser Werke relativ komplex und die Objektkästen entsprechend tief. Wichtig ist mir dabei eine symmetrische, geometrische Grundstruktur, um dem Ganzen einen objektiven Charakter zu verleihen. Bei der großen Wandarbeit zum Beispiel kommt es mir so vor, als würde ich in einen riesigen Farbpixel hineinschauen.

Für die Ausstellung hast Du ein großformatiges Objekt geschaffen. Von welchen Überlegungen bist Du ausgegangen, und welche Rolle spielt hier der Betrachter?


The Big Orange ist eine Erweiterung meiner vorangegangenen farbigen Fadenstudien. Die Arbeit vereint den akribischen Aufbau eines Objektkastens mit der Dimension einer großformatigen Rauminstallation. Den Grundkörper bilden dreieckige Seitenflächen, die sich zu einer quadratischen Raute zusammensetzen. Die Schräge der Seitenfläche führt zu einer stetigen Verschiebung des gleichbleibenden Bespannungsmusters in den Raum hinein. Schwarze Linien vollenden die zweite Hälfte der Bespannung. Das Auge ist verwirrt, wenn es versucht, die einzelnen Ebenen beziehungsweise die Farben zu sortieren. Uns erscheint ja in der Regel das im Vordergrund, was wir klar und deutlich sehen. In diesem Fall aber ist der Aufbau umgekehrt. Mit dieser Unstimmigkeit hat unser Auge zu kämpfen. Die Nähe zum Kunstwerk entzieht dem Betrachter darüber hinaus die gewohnte Distanz und lässt ihn in die Arbeit eintauchen. Was sich bei gegebenem Abstand als Farbfläche wahrnehmen ließe, bleibt aufgrund der Dimension und der Vielzahl der Linien ein lebendiger Gesamteindruck. Der Betrachter und die Eigenheiten der menschlichen Wahrnehmung sind immer ein zentraler Faktor meiner Arbeiten.


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